Hamburg Lurup 2012

28. Sep 2026 — K.-H. Hofacker

Fotografische Polemiken mit dem Smartphone

Ich besaß 2012 ein Samsung Galaxy S Plus (i9001). Die Kamera dieses Smartphones war sehr mäßig und damals jeder kleinen Digitalkamera hoffnungslos unterlegen.

Und dennoch war das Fotografieren mit dem Smartphone zu diesem Zeitpunkt nicht uninteressant. Ein Smartphone ist schließlich nicht nur ein Telefon und eine Kamera, sondern in erster Linie ein vollwertiger Computer. Dadurch waren schon 2012 Kamera-Anwendungen (Apps) möglich, die Fotos bei der Aufnahme oder durch unmittelbare Nachbearbeitung eine ganz eigene Charakteristik verleihen.

Mich interessierten Apps, die Aufnahmen einen Retro-Look historischer Analogkameras verleihen. Ich habe mit „Retro Cam” experimentiert. Diese App bot in der kostenlosen Version, die allerdings auf 920 x 920 Pixel begrenzt war, fünf eingebaute „Kameras” zur Auswahl. Besonders angetan war ich von der Pinhole Camera, von der der Autor der App selbst sagte, deren Ergebnisse seien weniger vorhersehbar als Schroedingers Katze.

Die Pinhole Camera simuliert Aufnahmen auf Filmmaterial, wobei der Perforationsbereich des Films mitbenutzt wird. Das führt zu einem quadratischen Format. Die „Kamera“ vignettiert stark (Lichtabfall zu den Rändern) und „entwickelt“ zu harten, metallenen Farben bei hohem Kontrast. Außerdem fügt sie dem „Film” (wie viele Gänsefüßchen!) per Software künstliche Alterungskratzer und Stockflecken hinzu.

Das alles ist Spielerei zum Zeitvertreib und eigentlich sollte man ja etwas Besseres zu tun haben. Andererseits kann man natürlich versuchen, die Eigenheiten dieses Spielzeugs konzeptionell zu nutzen. Das habe ich versucht.

Heutzutage sind wahrscheinlich viele Stadtteile deutscher Großstädte etwas seltsam, nicht nur Hamburg-Lurup, in dem ich damals lebte. Hier gab es kleinbürgerlich-aggressive Zwangsidylle, hundertjährige Rollatorpiloten und von Prolls hinterlassenen Müll in allen Variationen und an allen erdenklichen Orten. Und gegen all das wird eifrig angebaut, sodass dem Ganzen noch mehr Hektik, Unordnung und Hässlichkeit verliehen wird. Optisch, akustisch und auch sonst keinen Sinn verschonend, ist alles durchdrungen vom allgegenwärtigen Autoverkehr. Ein herrliches Umfeld also, um bei einem ausgedehnten Spaziergang im Spätwinter 2012 mit der Retro-Cam-Pinhole-Camera optisch ein wenig zu polemisieren ...

Schleusenwärterhäuschen 2009 Hallig Oland 2013